Der Basilika-Friedhof, nicht weit von Evas Wohnung entfernt, lag still und friedlich im bleichen Licht des vollen Mondes. Der Nachtwächter hatte gerade seine letzte Runde beendet und begab sich zufrieden wieder in den kleinen Dienstraum, setzte sich bequem hin und schaute wieder auf den Fernseher.

Das Grab, im Planquadrat drei, Reihe zwölf, roch noch immer nach frisch umgegrabener Erde. Ein schneeweißer Grabstein aus glattem, poliertem Marmor und die noch sauberen Banderolen an den noch frischen Kränzen, verrieten dass der Tote noch nicht lange beerdigt war. Tatsächlich hatte er erst vor vier Tagen seine letzte Ruhestadt gefunden. Es war still und friedlich um das blumengeschmückte Grab. Ein leichter Wind strich sanft durch das Geäst der nahestehenden Bäume und ließ auch die Rosen, die in die Kränze gebunden waren, ihre Köpfe leicht bewegen. Plötzlich bewegte sich etwas. Die Erde rieselte sacht in sich zusammen und wurde wieder aufgeworfen. Ein Zuschauer hätte wohl auf einen Maulwurf getippt. Doch die Stärke der Bewegungen nahmen von Minute zu Minute zu. Stetig vergrößerte sich der Hügel aufgeworfener Erde. Ein leises Knacken war zu hören und durchschnitt die Stille des Gottesackers, als der schwere Sargdeckel, tief unter der Erde, vollends zur Seite geschoben wurde. Dann aber rutschte die Erde bald völlig zur Seite. Mühsam und langsam erhob sich der Leichnam, bei dem die Verwesung noch nicht gänzlich eingesetzt hatte. Er verließ leise seine letzte Ruhestätte. Taumelnd und schweigsam kam er über den Rand der Grube gekrochen, hielt inne und ließ sich auf den feuchten, kühlen Boden, außerhalb seines Grabes sinken. Jetzt erst stieß er ein rasselndes Keuchen aus. Der stumpfe Schmerz in seiner Brust begann nur langsam zu weichen. Er öffnete die toten Augen. Er sah den Mond. Den Himmel, mit seinen dunklen Wolken. Er sah die Bäume, das Gras und den weißen Weg. Dann, ganz langsam nur, so als weigerten sich die Bilder in sein Hirn zu dringen, nahm er seine gesamte Umgebung wahr. Sein Blick irrte unstet über die unbekannte Umgebung. Nur langsam fanden seine Augen Ruhe und er konnte wieder scharf sehen. Sein Blick heftete sich auf den weißen Marmorstein.

Er las die Inschrift, die in goldenen Buchstaben in den Stein gemeißelt war. Zweimal ließ er seinen Blick über die Buchstabenreihe wandern, bis er den Sinn zu verstehen begann.

Hier ruht Dr. Reinhard Gobel

Geliebter Ehemann und Vater

Seinen beiden Kindern

Geb. 23.3. 1948

Gest. 7.4.1989

 

Dr. Gobel! Die Erinnerung kam langsam. Schleppend langsam!

Ja, Dr. Gobel, das war einmal sein Name. Er selbst war dieser Mann. Aber wieso? Seine Hände, bedeckt mit dunklen Leichenflecken fuhren irritiert durch sein dunkles, stumpfes Haar. An seinen langen Fingernägeln blieben die Haare hängen und er zog sie, mit jeder Bewegung mehr heraus. Nur allmählich begann er zu verstehen. Er war tot. Tot! Verzweiflung überfiel ihn.

Dies hier ist weder Himmel noch Hölle. Weshalb also bin ich hier?

Diese Frage begann sein totes Hirn zu martern. Langsam zog der Schmerz darüber in seinen Verstand. Er war auf einem Friedhof. Er war gerade eben seinem eigenen, kalten Grab entkommen. Aber warum? Er wollte es nicht! Er spürte keine Verbindung, keine Sehnsucht mehr, nach dem Leben. Es war weder Liebe noch Hass in ihm. Nur eine grenzenlose Leere. Eine endlose, quälende Leere!